Donnerstag, 19. Juli 2018

YOUTUBE STREAM: Dario Argento - Tenebre


Hier kommt eine Wahrheit, die für sämtliche Filme von Dario Argento gilt: Sie alle sind wahnwitzig! Jeder seiner Plots dürfte selbst für den leichtgläubigsten seiner Fans offensichtlich sein. Argento erzählt unsinnige, ja widersinnige Geschichte mit Dialogen - gleichwohl ob in italienisch oder englisch! - wie sie flacher kaum sein könnten: “Say, where’s Ann, my secretary?” Wohlbemerkt, das gilt für seine Erfolgsfilme der 70er und für seine "neuen" Filme sowieso. So lächerlich seine Plots aber auch sein mögen, wenn Argento Action choreographiert, dann tut er das so präzise wie sonst niemand! Und so morbide! Argento ist besessen vom Tod. Es MUSS getötet werden! Diese Besessenheit der Inszenierung des Tötens macht ihn zu einem der Meister-Regisseure des Kinos schlechthin. Vom Kino der Sensationen! Er führt uns nicht das Leben vor, sondern Glassplitter, die sich in die Halsschlagader bohren und Rasierklingen. Diese Lust ist es, die so viele inspirierte (...)

Mittwoch, 18. Juli 2018

Filmliste: Symphony Of Now + Berlin Techno Movies

(NOMADENKINO UND CINEGEEK ZEIGEN DEN FILM AM 27.7.18 IM HOLZMARKT) Wer Symphony Of Now mochte, dem gefällt auch... Es ist doch bezeichnend: Walter Ruttmann versuchte in seinem Berlin: Die Sinfonie der Grosstadt den Rhythmus der Stadt dem der Arbeitswelt anzugleichen. In seiner Doku dominierten Maschinen. Johannes Schaff inszeniert unsere Stadt nachts als Feierei. Heute lebt der Berliner nach Sonnenuntergang und zwar wie weggetreten. Grund genug, diesem ambitionierten "Remake" eine Filmliste voller Berlin Techno Filme anzuhängen. Noch interessanter wird das, indem man den Spuren der Berliner Clubklassiker nachsteigt: Dort, wo sich unten in der Reinhardtstrasse der Bunker befand oder dort, wo das E-Werk seine Pforten öffnete. Oder der Eimer in der Rosenthaler Strasse oder das (zweite) WMF am Potsdamer Platz (wo sich früher die Mauer durchschlängelte). Oder, oder, oder - aber gibt's noch Filmaufnahmen?(...)

Montag, 16. Juli 2018

Nomadenkino und cinegeek.de


Wir von der Filmkunstbar Fitzcarraldo und unserem Internetauftritt cinegeek.de haben uns einen neuen alten Partner angelacht: Nomadenkino. Hinter dem Nomadenkino steht Werner, der mit seiner tragbaren 35mm Maschine in verschiedenen Spielstätten auftaucht. Wohlbemerkt; Wir sprechen hier von echten Filmstreifen und zwar solchen, die 35 Millimeter breit sind (nicht etwa der digitalen Beamer Variante). Werner karrt seine Maschine ins Badeschiff, den Klunkerkranich, das About Blank oder in die ehemalige Bar 25, den Holzmarkt. Dort wird der Apparat dann angelassen. Um sich das vorzustellen, muss man sich die Anfänge dieser Geschichte vor Augen führen. Als die 35 Milimeter Maschine noch in einem kleinen Ladenkino in Friedrichshain betrieben wurde. Und das Ding rattert! Viel zu laut, um währenddessen gemütlich einen Film zu schauen. Deshalb wurde ein zweiter Laden angemietet im Haus nebenan. Die Idee: Ein Durchbruch zwischen den beiden Aussenwänden, um von einem Gebäude ins nächste zu projizieren. Eine wahnwitzige Tat! Man benötigt dazu: Einen sehr, sehr, sehr langen Bohrer + sehr viel Geduld. Nach etwa einem Tag durchdringt der Bohrer die beiden Gebäude, nach einem weiteren kann man sich mit dem Vorschlaghammer durcharbeiten. Ein Loch, gross genug für eine Kinovorführung! Einige Zeit später betrat ein befreundeter Architekt das "Kino" und staunte: "Donnerlüttchen. Ihr habt Glück, dass nicht beide Gebäude abgesunken sind!". Immerhin gelang es Werner K., der den Bohrer führte, das Objekt für künftige Zeiten zu entwerten. Als man ihm mit einer üppigen Mieterhöhung kündigte, hinterliess er einen Laden mit Loch. Von Anfang an hiess das Konzept aber auch, zu reisen. Die 35 Millimeter Maschine tauchte auf der Fusion auf (wo es zum Eklat kam, weil neben Filmen auch Hähnchen Schnitzel verkauft wurden) oder in der Bar 25. Nomadenkino ist heute überall zu Gast, sogar im Schloss Schwante! Betrieben von einem Mann, der wenig spricht, aber viele Ideen hat. Letztens erklärte er mir sogar, wie man Kino mit einem Auto betrieben könnte... Nun wollen wir gemeinsam das Programm gestalten. Ich bin natürlich der Lehrling, da Werner die Erfahrung hat, welche Filme wo laufen (die Druffis im About Blank mögen andere Sachen als die Gäste im Silent Green, Wedding). Nomadenkino und cinegeek.de machens jetzt wieder zusammen und hier findet ihr den Spielplan!(...)

Sonntag, 8. Juli 2018


Filmliste: Alejandro Jodorowsky Endless Poetry + Modern Surrealist Movies


Endless Poetry ist das Werk eines 88jährigen Künstlers und doch wirkt es wie der Film eines jungen Wilden. Jede Figur im Film verweist auf ihn zurück, Alejandro Jodorowsky. Alle Kunst wurde von Männern geschaffen. Von einem Mann. Ihm, Alejandro Jodorowsky. Ein Tribute an sich selbst. Zum Kinostart von Endlesss Poetry bin ich runter in unser DVD Archiv der Filmkunstbar Fitzcarraldo, um die besten surrealistischen Filme der letzten Jahre zu sammeln. Hier kommt meine Auswahl.

Samstag, 7. Juli 2018

Zum Tod von Claude Lanzmann: YOUTUBE STREAM Shoah


Zum Tod von Claude Lanzmann, der das Leben so tief und innig liebte! Über neun Stunden lang sass ich da (auf meiner angestammten Video Couch) und sah mir Shoah an. Nach dem Abspann sass ich noch ein bisschen länger dort auf meiner Video Couch und starrte einfach nur in die Luft. Ich versuchte, meine Emotionen zu fassen. Ich hatte eine Erinnerung an das schrecklichste Kapitel der Menschheitsgeschichte gesehen und gleichzeitig einen Film, der mit voller Leidenschaft JA! zum Leben sagt! Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Shoah zu fassen? Wie sollen wir dieses Werk durchdringen? 550 Minuten lang ertragen wir Qualen und Schmerz im Angesicht des Holocausts. Welcher Film trägt sein Ansinnen so nobel vor wie Shoah? Shoah ist hebräisch und bedeutet so viel wie Chaos. Eine Umschreibung des Holocausts. Shoah ist eine Doku und bietet trotzdem kein Bildmaterial aus den 40er Jahren. Es gibt keine Materialien aus den Nachrichten oder Archiven. Es gibt auch keine Interviews aus der Zeit. Es wird überhaupt nicht auf Bild-Materialien der Täter zurückgegriffen. Sämtliche Bilder filmte Regisseur Claude Lanzmann während der ersten Hälfte der 80er Jahre selbst. Überraschenderweise spürt er die damaligen Opfer auf. Menschen, die dabei waren, die sahen und hörten, was damals geschah. Eine kleine Handvoll der Protagonisten sind Holocaust-Überlebende. Die Restlichen sind Deutsche oder Polen, die in den Konzentrationslagern arbeiteten. Sie reden und reden. Shoah stellt eine Flut, ja eine Lawine von Wörtern dar. Lanzmann zeigt die Gesichter der Zeitzeugen sowie die Orte, an denen alles geschah. Es sind die Routen der Züge, die Millionen von Juden, Homosexueller, Gypsies (...) durch Polen transportierten, an die Orte ihres Todes. Ruhig, ganz still, gleitet die Kamera über Weideflächen. Dann erfahren wir, dass sich darunter Massengräber befinden. Lanzmann ist ein geduldiger Fragensteller. Er interessiert sich vor allem für die Details. Seine Fragen sind offen gehalten. Eine der berührendsten Sequenzen ist die, da Lanzmann Abraham Bombain in Tel Aviv interviewt. Bombain ist Frisör. Im Konzentrationslager rasierte er die Schädel der jüdischen Frauen, die anschliessend vernichtet wurden. Wie kann das Haar einer Frau wertvoller sein als sie selbst? Lanzmann fragt: Du hast ihre Haare geschnitten. Mit einer Schere? Gab es keine Spiegel? Du sagtest, es wären 16 Frisöre gewesen. Wie viele Frauen befanden sich gleichzeitig im Raum? Während Bombain antwortet, sitzt vor ihm ein Kunde, den er frisiert. Nach einer Weile bittet Bombain, die Fragen einzustellen. Er kann nicht mehr antworten. Es ist zu grauenhaft. Lanzmann insistiert: "Wir müssen das tun. Du weisst das". Bombain antwortet: "Ich sehe mich ausserstande". Lanzmann wiederum: "Es muss sein. Es tut mir sehr leid". Lanzmann ist grausam und äusserst korrekt. Er ist sich dessen bewusst, dass bald alle Überlebenden des Holocaust gestorben sein werden und er diesen Bericht vorher fertigstellen muss. Manchmal agiert Lanzmann sogar hinterhältig. Für die Interviews der Täter nutzt er eine versteckte Kamera, die ihre Gesichter einfängt. Einige der Nazis bitten darum, dass diese Aufzeichnungen privat bleiben. Sie bleiben es nicht. Die Interviews mit den Deutschen werden unterbrochen durch Bilder der Schienen, auf denen die Züge in die Konzentrationslager rollten. Wir haben Zeit, unseren Gedanken freien Lauf zu lassen. Wie eine Meditation. Shoah ist ein langer Film, aber kein langsamer. Ich bemerkte dieses eigentümliche Phänomen, wie die Wörter Bilder kreierten. Vorstellungen. Wir hören die Erzählung von Filip Muller, einem Juden, der am Eingang der Gaskammern arbeitete. Er erinnert sich, wie das Gas langsam eingelassen wurde. Dann wird es schwarz. Das Licht wird ausgeschaltet. In den Gaskammern war es dunkel. Die Opfer spürten, wie etwas von unten kam, versuchten, nach oben zu klettern. Sie dachten, dort oben wäre noch etwas Luft zum Atmen. Lanzmann fragt, was geschah, nachdem die Türen wieder geöffnet wurden? Die Toten fielen heraus. Steif, wie Blöcke aus Stein. Muller beschreibt etwas, was weder er - noch andere - je sahen. Es war schliesslich dunkel. Bis dahin hatte ich mir nie eine rechte Vorstellung der Gaskammern machen können. Muller nahm mich nun mit hinein. Genau das vermag Shoah - und genau das ist die grosse Leistung dieses Films! Nach neun Stunden ist der Holocaust nicht mehr bloss "Subjekt" - ein Kapitel der Geschichte. Er wird zu unserer direkten Umwelt. Er umgibt uns. Ein Lockführer der Route nach Treblinka wird gefragt, ob er die Schreie der Opfer in den Wagen hinter ihm hören konnte. Natürlich. Die Wagons befanden sich direkt hinter der Lokomotive. Man konnte alles ganz genau hören. Lanzmann will wissen, ob man sich daran gewöhnt? Der Lockführer verneint. Hinter ihm waren Menschen. Menschen, so wie er selbst. Die Deutschen gaben ihm Wodka zu trinken. Ohne Wodka hätte er es nicht ausgehalten. Die merkwürdigsten Passagen in Shoah stellen die Interviews der Verantwortlichen dar. Keiner von ihnen, die organisierten, dass die "Endlösung" schnell und unauffällig vonstatten ging, scheinen eine Vorstellung des Grauens zu haben. Mag man ihnen glauben, wenn sie behaupten, niemanden persönlich getötet zu haben? Sie alle waren nur ein Glied in einer langen Befehlskette. Sie trugen ihren kleinen Teil zum grossen Ganzen bei. Was fühlte der Mann, der die Züge der Juden koordinierte. Hat er je selbst einen Zug gesehen? "Nein, niemals"; antwortet der Mann. "Es gab soviel Arbeit. Ich verliess nie meinen Schreibtisch. Wir arbeiteten Tag und Nacht". Ein anderer Mann lebte nur 150 Meter von der Kirche entfernt, vor der die Juden zusammen getrieben wurden. Hat er je in einen Transporter hinein geschaut? "Nein, niemals". Es sind die Stimmen von Menschen, die sahen und hörten, was geschah. Sie wussten, dass der Holocaust existiert. Ich bemerkte meine eigene Tendenz, eine Distanz aufzubauen zwischen mir selbst und dem Geschehen dort im Film. Schliesslich liegt das alles lang zurück. Die Verbrechen in Shoah aber wurden von Menschen wie uns gegen Menschen wie uns verübt. Es macht keinen Unterschied, ob das in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts war. Dann ist da noch diese viel tiefere Botschaft des Films. Es ist Filip Muller, der erzählt, wie er die Opfer auf ihrem letzten Gang ins Gas beobachtete. Auf einmal begannen zwei von ihnen zu singen: The Hatikvah und die tschechische Nationalhymne. Sie bestätigten es: Wir sind Juden! Wir sind Tschechien! Sie verneinten Hitler. In diesem Moment fühlte Muller, wie sein eigenes Leben bedeutungslos wurde. Wozu sollte man noch weiterleben? Er entschloss, sich, ihnen in die Gaskammer zu folgen. Seinen Leuten! Lanzmann hakt nach: "Du warst bereits in der Gaskammer?" - "Ja". Doch ein paar Frauen hielten ihn auf. Sie fragten, ob er sterben wollte? Es wäre sinnlos. Er würde ihnen damit nicht ihr Leben zurückgeben. Sie forderten von Muller, lebend von ihr fortzukommen. Als Zeuge. Um vom Grauen zu berichten. Das ist die Botschaft von Shoah! Ein Film, der weder Dokumentation, noch Politik oder Propaganda ist. Shoah ist ein Zeugnis. Lanzmann tut das, was uns Menschen vom Tier unterscheidet: Die Fähigkeit, ein Ereignis zu behalten und an die nächste Generation weiterzugeben. In Deutschland gibt es derzeit die Debatte, diese Erinnerung um "180 Grad" zu vergessen. Auf dass der Mensch erneut alles Humanistische negiert. (Bild: https://www.google.de/search?q=shoah+film&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwirlva9-4zcAhWHJlAKHQymCiMQ_AUIDCgD&biw=1242&bih=591#imgrc=UWRX3YywPQ22BM

Montag, 2. Juli 2018

Nico, 1988


Andy Warhol, er war letztlich zu viel für Nico. Die Allerschönste seiner "Superstars" war gelangweilt und unzufrieden, nachdem er sie "gemacht" hatte. Eine Frau, von der Natur ganz ungewöhnlich beschenkt, nur dass sie sich an diesen Geschenken nicht erfreuen konnte. Nico hasste ihre Schönheit, die sie als Teenager auf die Titelseite der französischen Vogue brachte. Sie war überdrüssig vom Leben, von der Liebe, vom Sex. Grosse Teile ihres Lebens brachte sie damit zu, sich Heroin zu beschaffen. Sie schlug den Weg einer Sängerin ein, obwohl sie es hasste, zu singen und keinen Ton halten konnte. Der Tod, als er 1988 endlich kam, muss wie eine Erlösung für Nico gewesen sein! Nico alias Christa Paffgen wurde 1939 in Köln geboren. Sie lebte während der 50er in Paris, hatte einen kurzen Auftritt in Fellinis La_Dolce_Vita. Dann stellte Bob_Dylan sie Andy Warhol vor. Nico trat auf in Chelsea Girls (wo sie unaufhörlich mit ihren Haaren spielte) und promotete The Velvet Underground. Sie spielte Tambourine, sang gemeinsam mit Lou Reed, einem ihrer zahlreichen Lover. Als sich die Warhol Gefolgschaft auflöste, driftete Nico zurück nach Europa, formierte eine Band und tourte. Ihr ganzes Leben spielte sich im Tourbus ab, wo sie ständig auf den nächsten Fix aus war. Nico war stolz auf ihr fettiges Haar und ihre fauligen Zähne. Ein Junkie mittleren Alters. 1986 stieg sie um auf Methadon, 1988 starb sie, weil sie sich zu sehr der Sonne aussetzte, so ihr Sohn Ari. Uuuuh! Nico, 1988 zeigt nun ihre späten Jahre als totgeweihte Sängerin, die danach trachtet, ihre Schönheit zu zerstören. Ein Film, der nichts zu tun hat mit dem Model Nico oder The Velvet Underground. Die gängige Meinung über Nico, sie wurde einfach nach ihrer Zeit mit The Velvet Underground hässlich und fett, teilt Regisseurin Susanna Nicchiarelli offensichtlich nicht. Sie konzentriert sich ganz auf die zweite Lebenshälfte. Wir sehen nicht die Dolce_Vita Nico, die Jim_Morrison oder wen auch immer verrückt machte, sondern einfach nur die letzten zwei Jahre dieses Junkies mittleren Alters. “I very rarely take showers"; sagt Nico und zerlegt weiter ihren Körper mit Heroin. Immer wieder wird Nico als rücksichtslos (sie, die ihren eigenen Sohn anfixte) und paranoid beschrieben und doch gelangen ihr auch in den 80ern noch Kunstwerke wie The Marble Index. Ist es nicht so, dass sie die Übermutter der Generation von Siouxsie Sioux oder Bauhaus ist? Ich habe eine ganze Sammlung von Playlists für unseren New Wave Mittwoch in der Filmkunstbar Fitzcarraldo zusammengesucht, Nico aber muss ich nun tatsächlich noch dazu fügen! Und zwar ihr Spätwerk! Danke dafür an Nico, 1988! Die Schauspielerin Trine Dyrholm sieht darin nicht nur exakt so aus wie Nico, sie schenkt uns auch die Erinnerung an diese späte Künstlerin. Womöglich die Erfinderin der "Null-Bock-Generation"!

Alejandro Jodorowsky - Endless Poetry

Endless Poetry, der zweite Teil der autobiographischen Fantasie des 88jährigen chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky, ist kein Werk eines alten Mannes geworden. Im Gegenteil, Endless Poetry wirkt wie die Passion eines jungen Mannes mit dem Egoismus eines solchen! Jeder Charakter darin darf als Reflexion oder Abstraktion der anarchischen Erinnerungen der Hauptfigur gelten. Sie alle schmücken diese Erinnerungen nur aus oder reichern sie an! Alles führt zurück zu Jodorowsky, diesem radikalen Anti-Kapitalisten, dem Anti-Kirchlichen, dem Anti-Staatlichen, dem Anti-Familienmenschen (obwohl er doch seine beiden Söhne einsetzt). Und so wirkt Endless Poetry dann doch wieder wie der Film eines alten Mannes, denn er erlaubt es, uns selbst zu betrachten - aber durch Jodorowskys Leben. Der junge Alejandro (Jeremias Herskovits, und später Alejandros Sohn Adan Jodorowsky) muss sich behaupten. Poet möchte er werden, sein hartherziger Vater aber hat andere Pläne. Alejandro soll Medizin studieren. Deshalb kommt es nach einer Feier zum Bruch. Mehr passiert nicht. Lose verknüpft trifft er eine Reihe skurriler Gestalten, die den werdenden Dichter inspirieren. Dann, in einer wahnwitzig überzeichneten Künstler-WG, lernt er, Puppen zu basteln. Währenddessen kauern in den Ecken, wie Dämonen, Bühnenhelfer, die Requisiten reichen, die wiederum im Film gebraucht werden. Alles klar? Wir dürfen uns auf eine Reise begeben, in der sogar Jodorowsky selbst als eine Art Scharlatan (oder Therapeut) auftritt mit erhobenem Finger wie damals in Montana_Sacra. Endless Poetry funktioniert wie ein Sequel zu seinem letzten Film, dem grossen Comeback The Dance Of Reality. Wobei: Endless Poetry ist der zugänglichere Film! Das kommt daher, da er einen bestimmten Punkt seines Lebens heraussucht, in dem es darum geht, aus eigenen Fehlern zu lernen. An manchen Stellen aber kehrt Endless Poetry auch wieder zurück zum Stil von The Dance Of Reality, fast wie in einer Jodorowsky Sitcom. Weiter im Text; denn Alejandro muss sich vom Vater Jaime (Brontis Jodorowsky - Sohn Nummer Zwei) emanzipieren. Jodorowsky damals, das war keiner, der sich passiv dem Mystizismus unterwirft. Er war ein aktiver Suchender nach allem, was das Leben GRANDIOS macht! Er entflieht seinem Zuhause, schliesst sich einem Künstler-Kollektiv an. Mit Sicherheit weiss er; er ist so wie sie! Für Jodorowsky war die Entscheidung, Poet zu werden, eine rebellische Handlung. Er lernt neue Freunde und Liebhaber kennen, Enrique Lihn (Leandro Taub), und Stella (Pamela Flores), die ihn inspirieren. Letztendlich aber wurde alles von Männern geschaffen. Von einem Mann. Ihm selbst. Endless Poetry ist ein Tribute Jodorowsky an sich selbst.