Samstag, 8. Oktober 2016

FILM LIST Slow Cinema

Slow Cinema

Part I: modern
Zwei Sekunden Zeit nimmt sich ein moderner Action Film für eine Einstellung. Wer mehr will, versuchts mit Slow Cinema, einer Bewegung, die dem Kino das zurückgibt, was es in zwei Sekunden nicht entfalten kann: Schönheit und Genuss. Es war Tarkovsky, der anlässlich seiner Meditation von Stalker einmal anmerkte, dass die Menschen schliesslich nicht ins Kino gingen, damit irgendetwas passiert, sondern um genau das zu erleben: Schönheit und Genuss. Die Zeit an sich ist das Subjekt. Eine Art Anti-Olympiade: Langsamer, tiefer, weniger. Bela Tarr nimmt sich in Satantango die Zeit und zwar nicht weniger als sieben Stunden, bei Lav Diaz dürfens auch mal elf sein. Ultra lange Takes bedeuten auch immer Minimalismus, sowie den Verzicht auf Narration. Langweilig? Die Slow Cinema Bewegung aber pocht darauf, dass hier ein fundamentales Missverständnis vorliegt. Sicher, das Kino wurde einst erfunden, bewegte Bilder zu produzieren. Es stellte das moderne Leben, den Stand der Technik dar. Irgendwann während der 60er war das allerdings nicht mehr relevant. Filmemacher wie Antonioni oder Bergman stellten sich der Moderne = Geschwindigkeit entgegen. Das hat im youtube Zeitalter sogar noch an Bedeutung gewonnen! Serienhappen? Kinofilme! Wir erleben hier den kulturellen Widerstand gegen das, was allgegenwärtig ist: Tempo. Jia Zhang-kes Still Life, Carlos Reygadass Silent Light (2007) und Apichatpong Weerasethakuls Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives vs. Bourne und Batman. Hier wird unseren Augen erlaubt, selbst zu entdecken. Wir werden mitgenommen auf eine Reise, deren Ausgang ungewiss ist. Ists ein Zufall, dass sämtliche aufgezählten Filmemacher nicht aus dem Westen kommen? Jenseits der Finanzkultur New Yorks oder Londons. Erleben wir auch ein Zurück zur Natur? Das Schlusswort gebührt daher Chantal Akerman: "The way cinema was done was mostly to escape time. When people say, 'Oh, I had a good evening. I didn't see the time passing by.' Well – they were robbed of two hours of their life." 8Wir stellen nicht die Filme, nur die links zur Verfügung. SEHT EUCH DIE LINKS SCHNELL AN, BEVOR SIE GELÖSCHT WERDEN. 8.10.16)

Freitag, 7. Oktober 2016

Our Daily Free Stream: Ida

  Our Daily Free Stream: Ida (germ. dubbed). Es ist eine reine Freude, die Reihe der "Masterpieces of Polish Cinema" auf DVD wieder zu entdecken. Ich habe euch ein paar davon in das Regal an unserer Treppe gestellt und sie wirken wie ein Gruss aus der goldenen Zeit des europäischen Arthaus Kinos aus den frühen 60ern. Diese Art von Kino ist 2013 aber nicht tot, sondern lebt wieder auf mit Pawel Pawlikowskis Ida! Wir reisen zurück in das Polen um 1960, in eine ländliche Gegend. Dort steht ein ziemlich abgelegnes Kloster, in dem die 18-jährige Novizin Anna (Agata Trzebuchowska) lebt. Geredet wird hinter den Mauern wenig, weder bei Essen, noch während Annas Arbeit an einer Christusstatue. In ein paar Tagen soll Anna ihr Gelübde ablegen. Vorher aber kehrt sie noch einmal in die Stadt zurück, um ihre Tante Wanda (Agata Kulesza) zu besuchen. Wir erleben sie mit neugierigen Augen in der Strassenbahn und schliesslich steht Anna ihrem genauen Gegenteil gegenüber: Wanda trinkt, liebt Männer und will mit Familie an sich nichts zu tun haben. Wanda erklärt Anna, dass sie eigentlich Ida heisst und Jüdin ist. Ihre Eltern aber wurden ermordet. Obwohl sie Anna an sich lieber ins Kloster zurückschicken würde, entschliesst sich Wanda, mit der Nichte nach den Spuren ihrer Verwandten zu suchen. Ida ist eine Reise in die Vergangenheit: Die der deutschen Besatzung, aber auch in die dunkle Stalin-Zeit. Pawel Pawlikowski, der seit den späten 70ern in England lebt (sucht mal im Regal oder unserem Online Katalog nach britischen Filmen von ihm!), hat die Zeit authentisch rekonstruiert, zumindest kommt es mir beim Betrachten so vor. Gedreht wurde Ida in einem kontrastreichen Schwarzweiss und einem fast quadratischen Bild, das als Hommage an die grossen Werke der Neuen Polnischen Welle zu Beginn der 60er erinnern soll. Ida ist aber kein Film der nostalgischen Manierismen, sondern atemberaubend, fesselnd und eigenständig! Ida wäre nicht nur in Polen 2013 ein Meisterwerk, sondern in jedem Land, zu jeder Zeit! Neben der historischen Schärfe, führt uns Ida eine ganze Reihe von Archetypen vor, die phantastisch gespielt werden: Nicht nur die nihilistische "blutige" Wanda, in deren Schicksal sich so viele Konflikte der jüngeren Geschichte wiederspiegeln, sondern auch die aufstrebende junge Nonne. Ida verbeugt sich nicht nur einfach vor den Meisterwerken vergangener Zeiten, sondern erinnert das heutige Kino daran, es diesen Filmen gleich zu tun!

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Our Daily Free Stream: Woody Allen - Manhattan


Our Daily Free Stream: Woody Allen - Manhattan (germ. dubbed). Ich hatte ganz vergessen, wie wundervoll Woody Allens Manhattan ist und die Balance zwischen Komödie und Romanze mit traumwandlerischer Sicherheit hält! Einige Jahre lang hatte ich Manhattan nicht mehr gesehen und konnte mich nur noch an die witzigsten Einzeiler erinnern und daran, dass die Liebesgeschichte zwischen einem Mann älteren Datums und einem Schuldmädchen erzählt wird. Manhattan ist aber so viel mehr! Es ist kein Film über die Liebe, es ist ein Film über den Verlust. Der Soundtrack beinhaltet eine Menge romantischer Songs, die im Grunde gar nicht zum Film passen, dessen Protagonist Isaac (Allen) die Liebe gar nicht kennt. Seine Sommerliebe heisst Tracy (Mariel Hemingway, die Nichte des Dichters) und vordergründig hat sie mit Isaac nichts gemein. Sie hat aber das, was ein Liebhaber so dringend braucht: Die Fähigkeit, ihren Gegenüber zu idealisieren. Genau darin besteht der Geburtsfehler dieser Beziehung, weil sich Isaac dessen gar nicht für würdig erachtet. Er fühlt sich nicht als etwas Besonderes und sieht für sich und Tracy keine Zukunft. Angesprochen, auf ihr Vorhaben, in London zu studieren, weiss er nichts Besseres zu antworten, als dass sie ihn als schöne Erinnerung behalten soll. Die Hälfte der Zeit, in der sie zusammen sind, versucht Isaac Schluss zu machen - letztgültig mit Erfolg. Er sagt ihr, er würde eine andere lieben. Hemingway reagiert ganz simpel und herzzerreissend, während Isaac wie immer zu viel redet. In dieser Szene wird mir bewusst, dass ich die Figur des Isaac nicht mag. Er hat etwas Grausames an sich. Später erzählt er seinem Freund; ''I think I really missed a good bet when I let Tracy go". Vielleicht hat er das, obwohl er bereits 42 ist und sie erst 17? Darum geht es aber nicht in Manhattan. Der Film handelt vom Zynismus und der Oberflächlichkeit solcher Menschen wie Isaac, die permanent um sich selbst kreisen, während sie kultiviertes Zeug quasseln. Die Trümmer seines Beziehungsleben umfassen ausserdem seine Ex-Frau (Meryl Streep), die nun den gemeinsamen Sohn mit einer anderen Frau gross zieht. Währenddessen schreibt sie einen Bestseller über ihre Ehe mit Isaac, der ernste Zweifel aufwirft, ob ihre neue "Liebe" sie genauso obsessiv hassen lassen kann? Dann hätten wir Isaacs Freund Yale (Michael Murphy), der seit Jahren verheiratet ist und nun eine Affäre mit Mary (Diane Keaton) pflegt. Genau wie Isaac pflegt er die Taktik, aus seiner Beziehung auszubrechen und der Frau anschliessend zu erklären, er hätte es nur zu ihrem Besten getan. So wie Isaac erklärt Yale Mary, sie hätten keine Zukunft und übergibt sie an seinen Kumpel: ''You'd be great for her." Zwischen Isaac und Mary entsteht eine Liebelei, bis Yale sie wieder zurück fordert und behauptet, er sei zuerst da gewesen. Beide Männer sind überfordert im Angesicht echter Gefühle. Manhattan handelt deshalb auch nicht von der gegenwärtigen Liebe, sondern der zurückliegenden. Es ist der Moment, wenn wir uns darauf besinnen, was wir gerade zerschlagen haben. Stellen wir uns Manhattan mal als konventionelle "Romantic Comedy" vor: Hier wären Yale und Mary das zentrale Paar, Tracy und Isaac ihre besten Freunde. In seiner ganzen Karriere aber hat Woody Allen daran gearbeitet, die Charaktere aus der zweiten Reihe in den Mittelpunkt zu schieben. Isaacs Beziehung zu Mary hat nichts von einer "RomCom". Sie ist kompliziert, da Isaac nicht weiss, ob er nun vorwärts gehen soll oder nicht? Was für eine grandiose Idee ist es deshalb, diese Beziehung vor dem Hintergrund Manhattans zu filmen - denn New York liebt Woody Allen nun wirklich! Manhattan heisst der heimliche Hauptdarsteller des Films und in den Strassenschluchten verschwinden die permanent quatschenden Neuroiker. Tatsächlich gibt es so einige Szenen, in denen jemand redet, den wir gar nicht im Bild erblicken. Isaac und seine Freunde werden auf so aus das reduziert, was sie sind: Nicht so wichtig (anders als sie selbst denken mögen). Die Untermalung mit Gershwins ''Rhapsody in Blue'' schafft es, dass wir uns transzendent fühlen, einfach hochtragend! Dazu die berühmten Gebäude und Orte wie Guggenheim, Elaine's, Zabar's deli... Isaac und Mary sitzen unterhalb der Manhattan Bridge und erleben den Sonnenaufgang. Sie spazieren durch den Central Park. Vermutlich bietet der Film so viele Insider, dass ich als Berliner gar nicht alles verstehen kann! Woody Allen weiss genau, wie einige Songs das Leben der meisten von uns untermalen. Für Isaac hat er den passenden Song ausgesucht: ''But Not for Me''. Unvergesslich, das Finale, als Isaac endlich merkt, mit wem er zusammen sein will und los rennt: ''Strike Up the Band". All diese Schauplätze in Verbindung mit den Songs hätten nicht die Wirkung ohne Gordon Willis' Schwarzweiss-Fotografie, die Manhattan zu einem der schönsten Filme aller Zeiten macht! Dank Willis wird die Stadt zum Hauptdarsteller. Er erweckt sie zum Leben! Diane Keaton, die bereits ein Star war, bevor sie Woody Allen heiratete, spielt Mary. Sie ist eine Frau, die ihre Intelligenz vor allem dazu nutzt, um ihre Einsamkeit zu unterdrücken. Sie erklärt Yale, dass sie auf keinen Fall eine Ehe brechen möchte, obwohl sie da bereits eine Affäre mit ihm hat. Schliesslich ruft sie an einem Sonntagnachmittag Isaac an, weil sie einfach niemanden anderes kennt. Mariel Hemingway erleben wir in ihrer ersten Hauptrolle. Ihr Spiel ist so direkt und unaffektiert, dass es mich tief gerührt hat. Sie ist grösser als Isaac, der sie im sozialen Leben immer verstecken möchte. Tracy lässt sich aber nicht verheimlichen. Auf die Frage von Mary, was sie so machen würde, antwortet Tracy: ''I go to high school". Woody Allen zuletzt, wird oft vorgeworfen, immer dieselbe Rolle zu spielen. Das ist reichlich unfair! Seine Figuren haben mitunter ähnliche Anlagen, Marotten und eine gewisse Ausdrucksweise - dennoch sind sie nicht eins. Isaac ist ein Mann von grosser Unreife, einer der nicht weiss, was er will. Gegenüber Tracy verhält er sich nichts weiter als selbstsüchtig und versucht sie sogar, von ihrem London Aufenthalt abzubringen. Beide wissen, dass ihre Zeit vorüber ist. Isaac ist unfähig, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Er wird einfach nur die Vergangenheit bereuen und versuchen, daran herum zu basteln.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Our Daily Free Stream: Jason Reitman - Juno

 Our Daily Free Stream: Jason Reitman - Juno. Hier kommt Juno alias Ellen Page - Everybody's Darling! Einer der klügsten, witzigsten und berührendsten Filme, die wir in der Filmkunstbar Fitzcarraldo anbieten können! Juno beginnt mit der Respektlosigkeit einer Screwball Comedy und endet als Charakterstudie. Mit Figuren, die wir lieben gelernt haben! Schon erstaunlich, wie wir trotz der dreisten und hippen Dialoge, Juno von Grund auf kennenlernen und verstehen. Das ist ganz allein der Verdienst von Ellen Page - und gabs in letzter Zeit überhaupt eine tollere Performance als ihre? Ich denke, es ist Konsens, dass Komödie viel schwieriger ist als Drama. Es braucht einen schnellen Verstand, Selbstbewusstsein, aber auch die Gabe, zu stoppen, bevors zu viel wird. Page hat das: Die Präsenz und das Timing! Juno lebt aber auch von dem präzisen Drehbuch, in dem uns die Charaktere irgendwie immer einen Schritt voraus sind. Kurz bevor wir zu reflektieren beginnen, habens sie das schon gemacht. Juno ist wie eine Einladung an uns, nicht passiv zu schauen, sondern uns ganz einzulassen. Ellen Page, während der Dreharbeiten bereits zwanzig, spielt Juno MacGuff, gerade sechzehn. Sie versucht sich an einem sexuellen Experiment, dem ihr Freund Paulie (Michael Cera) nicht folgen kann. Klar, Juno wird schwanger und nach einer einschlägigen Erfahrung in der Abtreibungs-Klinik, entschliesst sie sich, das Kind zu behalten. Wie sie ihre Eltern darüber aufklärt, dass ist eine der Szenen, die Juno so ungewöhnlich und wundervoll machen. Bren (Allison Janney) und Mac (J.K. Simmons) sind die liebenswertesten, selbstbewusstesten und liberalsten Eltern, die ich je in einer Teenie Komödie sah. So warmherzig und humorvoll, dass wir verstehen, wie Juno selbst so werden konnte. Mit ihrer Hilfe sucht Juno Adoptiveltern (Jennifer Garner und Jason Bateman): Ein Möchtegern-Rockstar um die 40 und eine Gattin, die ihr Haus ganz nach den Schöner-Wohnen Prinzipien ausgestaltet hat. Dumm nur, dass er nicht für eine Vaterschaft bereit ist, mehr Interesse an Bands und Comics hat - sogar an Juno! Nun folgen wir Juno durch die neun Monate ihrer Schwangerschaft und scheinbar ganz nebenbei, lernen wir sie durch all ihre Sprüche und Schlagfertigkeiten kennen. Besonders warmherzig die Szenen, in denen sich Juno mit ihrem unreifen Adoptiv-Papa über Punk-Bands austauscht und Jennifer Garner als liebende Adoptiv-Mutter das Baby im Bauch fühlt! Drei Mal hab ich Juno nun gesehen und weiss, dass es einer der Filme ist, die man nie vergisst. Einige Dialoge bleiben, viele Eindrücke auch! Es ist einer dieser Filme, die ein Teil von mir geworden sind. Regisseur Jason Reitman hat keinen einzigen Fehler gemacht, nichts Abgeschmacktes, keine Szene umsonst! Alles fliesst, ist heiter und licht. Reitman ist ein angenehmer Konservativer, vertritt das Familien-Ideal auf ganz eigene Weise. Alle Figuren sind ganz sie selbst und beugen sich keinem fremden Willen - schon gar keinem Konsens. Schrullig sein - ja, bitte! Am allerschönsten, das Finale - doch ich will nicht zuviel verraten...

FILM LIST Road Movies Romance


Road Movies Liebesfilme

Away we go! Hinaus ins Freie! Liebe ohne Grenzen! (Wir stellen nicht die Filme, nur die links zur Verfügung. SEHT EUCH DIE LINKS SCHNELL AN, BEVOR SIE GELÖSCHT WERDEN. 5.101.16)

Dienstag, 4. Oktober 2016

Our Daily Free Stream: Jason Reitman - Thank You for Smoking

 Our Daily Free Stream: Jason Reitman - Thank You for Smoking. Hier in Berlin, Kreuzberg, wo sich unsere Filmkunstbar Fitzcarraldo befindet, hat das Gute längst gesiegt. Das merkt man bei unseren Bewertungen auf Plattformen wie yelp. Punktabzüge dafür, dass in der Filmkunstbar Fitzcarraldo geraucht wird. Die Guten werfen den Bösen (Rauchern) nichts weniger als Mord vor. Jason Reitman hat daraus eine genauso rohe wie elegante Satire gebastelt. Sie betrachtet die Welt durch die Perspektive eines Lobbyisten der Raucher-Industrie. Aaron Eckhart spielt diesen Mann, der weiss, was es bedeutet, gehasst zu werden. Seine Stärke: Das Argumentieren. In einer TV Show wird er mit einem 15jährigen konfrontiert, der an Krebs erkrankt ist, aber nun das Rauchen deshalb aufgab. "It's in our best interests to keep Robin alive and smoking," erklärt er; "The anti-smoking people want Robin to die." Nick Naylor heisst er. Ein gutaussehender, geschiedener Mann, der seinen Sohn Joey (Cameron Bright) liebt. Einmal tritt er vor der Schulklasse auf. Ein Mädchen erklärt, ihre Mutter hätte ihr beigebracht, dass Zigaretten töten. "Is your mother a doctor?" Ein Mal pro Woche trifft sich Nick mit seinen Freunden, der Sprecherin der Alkoholindustrie sowie dem Repräsentanten der Waffen-Lobby. Er nennt sie die MOD (Merchants of Death) und sie streiten darüber, welche Produkt die meisten Menschen umbringt. Übrigens eine nette humorvolle Runde echter lange gewachsener Freunde. Bemerkenswert, wie Jason Reitman in seinem Debüt stets den richtigen Ton trifft. Er wirft Nick nicht von einem Ereignis ins nächste, sondern erweckt Nicks Logik zum Leben. Die Welt durch Nicks Perspektive. Nick ist ein stets lächelnder Optimist, ein sympathischer Typ (den wir übrigens selbst nie rauchen sehen). Sein Gegenspieler, der verbitterte Senator Ortolan Finistirre (William H. Macy). Ein Mann, der Totenköpfe auf Zigarettenschachteln drucken will (Reitmans Satire wurde in Deutschland längst durch morbide Sammelbilder eingeholt). Der Senator ist sich sicher, dass Bilder noch wirksamer sind als Warnungen: "They want those who do not speak English to die." Reitman weiss genau, wie er einen Dialog entwickelt ganz im Sinne des Pragmatikers Nick. Auf die Frage seines Sohns, weshalb das amerikanische Regierungs-System das weltweit Beste ist, antwortet er nur: "Because of our endless appeals system." Reitmans Film nimmt nicht die Tabak-Industrie ins Visier, auch nicht deren Lobby. Einzig der ehemalige Marlboro Mann Lorne Lutch (Sam Elliott), der an Krebs erkrankte, fungiert als ernsthafte Anklage. Reitman gehts um die Frage nach der menschlichen Natur. Es gibt das Böse in seinem Film, doch es kommt unverhofft in Gestalt einer sympathischen und attraktiven Journalistin (Katie Holms), die für eine seriöse Tageszeitung aufklärt... In einer Schlüsselszene bietet Nick dem Marlboro Mann einen Koffer voller Schweigegeld an. Ein "Geschenk", nicht länger gegen die Tabakindustrie zu Felde zu ziehen. Lorne bittet um einen Kompromiss, nur die Hälfte anzunehmen. Nick aber weist den Weg: Hier gilt alles oder nichts. Nimmst du das Geld, bist du dabei. Und nur ein Verrückter würde soviel Geld abschlagen, oder? Was wäre die Filmkunstbar Fitzcarraldo doch für ein trauriger Ort ohne Raucher. Eine Bar, in der man trinkt, aber draussen in der Kälte raucht? In der man den Schweiss des Nachbarn riecht mangels Qualm? Eine Bar für die "Guten", schreibe ich wiederum als Nichtraucher.

Montag, 3. Oktober 2016

Our Daily Free Stream: Jean-Pierre Jeunet - Amelie (engl. subt.)

 Our Daily Free Stream: Jean-Pierre Jeunet - Amelie (engl. subt.). Montag ist der neue Sonntag, daher gibts heute einen echten Sonntagsfilm! - Amelie Poulain, eine heitere Fantasie über ein Mädchen mit trauriger Kindheit, die zu einer schüchternen Frau heranwuchs, die Bedürftigen aufzumuntern und sich selbst damit die grösste Freude zu verschaffen. Es ist einer dieser Filme, die einen noch zum Schmunzeln bringen, denkt man anschliessend darüber nach. Amelie Poulain, das ist Audrey Tautou. Sie sieht so aus wie jemand, der ein Geheimnis kennt (es aber nicht bewahren kann). Als Mädchen hungert sie regelrecht nach Liebe, da ihr Vater sie nie küsst oder streichelt. Als Arzt berührt er sie nur, wenn er die Tochter untersucht und das wiederum lässt sie vor Glück zittern. Ihre Mutter beging Selbstmord und zwar im Notre Dame (doch das verrät gar nicht soviel über die Handlung, wie wir aufgrund dieser Symbolik wohl vermuten würden). Jedenfalls wuchs Amelie einsam und allein heran. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Bistro. Es war der Tod von Prinzessin Diana, der ihr ganzes Leben verändern sollte. Vor Schreck lässt Amelie eine Teekanne fallen und schlägt ein Loch in den Boden. Sie findet die Box eines Jungen, die sein ganzes Leben nachzeichnet. Amelie beschliesst in diesem Moment, andere Menschen glücklich zu machen. Und zwar in jeder Hinsicht! Das wiederum würde ihr selbst ein Leben voller Freuden bereiten. Wer erinnert sich noch, wie Amelie zwar nicht in Cannes laufen durfte (zu wenig ernsthaft, so die ernsthafte Begründung), dann aber doch das Publikum auf Festivals verzückte und auf imdb als Nummer 54 der besten Filme bewertet wurde. Das sagt viel aus über Amelie, die den Menschen soviel Vergnügen und Gutherzigkeit schenkt. Virtuos inszeniert in einem Paris, das nicht das "echte" moderne darstellt, sondern eines, wie wir es aus Märchen kennen. Ein sauberes, buntes, leuchtendes Paris wie es im Hollywood der 50er entworfen wurde und so nie existierte. Amelie verschafft dem Besitzer der Box also sein Glück und beschliesst, es auch mit anderen Menschen zu vollbringen. Dann trifft sie Nino (Mathieu Kassovitz), der in einem Pornoladen arbeitet. Nino hat ein merkwürdiges Hobby: Er sammelt die Bilder von Fotoautomaten, die weggeworfen wurden und bastelt daraus verfehlte Collagen. Nino erblickt Amelie in ihrem Cafe und sie löst sich buchstäblich auf (im eigentlichen Sinne!). Sie ist in Nino verliebt, aber viel zu schüchtern, ihn anzusprechen (Amelie entwickelt sich stattdessen zu einer wahren Stalkerin). Amelie Poulain, ein Meisterwerk voller Einfälle und Ideen. Etwa das Bild Amelies auf dem Montmartre. Sie fragt sich, wieviele Pariser in diesem Moment gleichzeitig einen Orgasmus haben? Dann sehen wir sie alle in einer vergnüglichen Montage. Natürlich inszeniere ich als Videothekar nicht selbst Filme, ich glotze sie nur. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es nichts Schwierigeres gibt, als solch eine wendige und charmante Komödie zu machen! Ein Drahtseilakt voller Kitsch und Schrulligkeiten und alles gelingt Jean-Pierre Jeunet! Amelie Poulin wird zu unserer Freundin, der Film zu einer einzigen Einladung.