Mittwoch, 9. November 2016

youtube link: Harmony Corine - Spring Breakers

 youtube link: Harmony Corine - Spring Breakers. Werfen wir nach der Wahl einen Blick auf Trumps Amerika, um es zu verstehen! - Ein zuckerbunter Fiebertraum, so sieht der bis dahin ungewöhnlichste Film des Jahres aus! Jawohl, ich meine Spring Breakers, den Film, in dem vormalige Disney Stars bei jeder Gelegenheit ihre Bikinis aufreissen, saufen, sniffen und Zungenspielchen veranstalten! Eine Woche Ausnahmezustand, danach gehts zurück ins trostlose Leben nach Kentucky. Harmony Korine, der ewige Polarisierer, filmt das durch die benebelte Perspektive eines 21jährigen, der sich im April aufmacht nach Florida. Hier geht nun eine Woche lang alles: Sich öffentlich nackt zeigen, anonyme Schnell-Ficks und sexuelle Demütigung. Wie eine scharfe Waffe verweilt die Kamera auf den Körpern von Vanessa Hudgens, Selena Gomez, Ashley Benson und seiner Frau Rachel Korine. Vier lebenslange Freunde auf Tour! Spring Breakers ist so gemacht, dass du nur die ungläubige Reaktion "Was schaust DU denn da?" erwarten darfst, wenn dich jemand allein mit dem Film erwischt. Und überhaupt: Was machen diese Mädchen da eigentlich, während sie sich dem anonymen Spass hingeben? Schrauben sie die Frauenbewegung um 40 Jahre zurück? Sind sie sogar ganz moderne Frauen, die eben selbst wählen? Hat Harmony Korine jetzt James Franco als Gangster-Rapper, der mit fistelnder Stimme Britney Spears zelebriert und umgeben ist von vier halbnackten Nymphen, zur Avantgarde erhoben? Korines Humor ist boshaft, sein ganzer Film verdorben. Jede Szene ist inszeniert wie der Schuss aus einem Gewehr, manchmal meint man, alles wäre mit einem verwackelten iPhone aufgenommen. Am Ende erleben wir die Vier sogar vor Gericht im Bikini. Wie die Mädchen im normalen Leben so sind, erfahren wir am ehesten von Selena Gomez' Faith, die eine gläubige Christin ist. Vanessa Hudgens Figur macht die grösste Entwicklung durch, da sie auf dem Trip ihr Gewissen verliert. Spring Breakers lässt die hedonistische Hölle über uns hereinbrechen, ist witzig, düster und hochgradig provokativ!

Dienstag, 8. November 2016

youtube link: Satyajit Ray - Mahanagar (engl. subt.)

 youtube link: Satyajit Ray - Mahanagar (engl. subt.). Mahanagar darf als eines der grössten filmischen Experimente seiner Zeit wärmstens empfohlen werden! Geschuldet ist das dem erzählerischen Talent Satyarjit Rays und der Schönheit seiner Hauptdarstellerin Madhabi Mukherjee, die mit einer Tiefe spielt, dass es mir den Atem verschlägt! Sie verkörpert Arati, eine junge Hausfrau und Mutter. Das Gehalt ihres Mannes reicht nicht zum Leben und so muss sich Arati einen Job suchen. Ihre Eltern reagieren entsetzt; keine Frau sollte arbeiten! Jedoch: die Zeiten haben sich geändert. Zum ersten Mal kommt sie in Berührung mit anderen Menschen und sozialen Schichten. Schliesslich beginnt Arati, sich zu schminken. Voller Humor beschreibt nun Ray, wie der alte Vater seinem Schwiegersohn den "kalten Krieg" erklärt und auch der Ehemann den Respekt vor sich selbst angesichts der neuen Stellung seiner Frau wahren muss. Bemerkenswert, dass Ray sich wirklich sorgt um diese einfache Familie und ihre Probleme. Sicher, sein Film spielt in Indien, scheinbar weit weg von uns. doch ist das wirklich so? Existieren nicht dieselben Probleme hier? Rays Filme sind "ausländisch" und doch wieder nicht! Jeder Charakter könnte genauso gut bei uns um die Ecke leben. Womöglich sind uns dämliche deutsche Komödien mit albernen Starlets viel fremder als dieser Film aus dem Jahre 1963?

FILM LIST: Andrzej Wajda


Andrzej Wajda

6.3.1926 - 9.10.2016
Wie so oft in der Filmkunstbar Fitzcarraldo. Das Werk eines Autoren steht mehr oder weniger unberührt da rum. Erst nach dem Tod des Künstlers wirds angefragt. Andrzej Wajda liess sich zu Lebzeiten wesentlich schlechter verleihen als heute. Sein Werk umfasst das Historisch-Philosophische, das Lyrische, das Dramatische. Sechs Filme, die zu echten Klassikern wurden: Asche und Diamant (1958), der vom polnischen Widerstand gegen Nazi Deutschland handelt. Kann man poetische Wahrheit darstellen? - so die Frage in Der Mann aus Marmor (1976). Und wie siehts aus mit politischer Wahrheit? So das Thema von Der Mann aus Eisen (1981). Berühmt sein Revolutions-Drama Danton (1983), in dem die Protagonisten wie echte Menschen reden und nicht als ob sie verfasste Reden abhielten. Korczak (1990) handelt von der unbedingten Solidarität zu Kindern - bis in den Tod. Schliesslich Das Massaker von Katyn (2007) mit seiner Klage der Ermordung von 20.000 polnischen Offizieren durch die sowjetische Armee. Jahrelange politische Propaganda, Wajda entblösst sie mit seinem Spätwerk. Wajda geht es - wieder und wieder - um historische Erfahrungen. Er überprüft Geschichte vor ihrer Gegenwart. Es sind FILMISCHE Perspektiven, die uns irritieren und neue Sichtweisen ermöglichen. Er begann in der sogenannten "Neuen Polnischen Schule", die beeinflusst war vom Neorealismus. Nicht um Helden ging es, sondern um die Jungs von nebenan. Für sie war der Kampf gegen die deutsche Besatzung einfach ganz normal! Nach seiner Kriegs-Trilogie (Eine Generation, Der Kanal, Asche und Diamant), versuchte er sich in den frühen 60ern an einem Portrait seiner Nachkriegs-Generation. Die unschuldigen Zauberer (1960) aber enttäuschte und Wajda besann sich wieder auf historische Stoffe (Samson (1961) oder Landschaft nach der Schlacht (1970). Toll auch seine Literaturverfilmungen, vor allem Legionäre (1965) und Das gelobte Land (1975). Wajda war ein Offiziers-Sohn und militärische Rituale prägten ihn offensichtlich. Trotzdem studierte er Film und debütierte 1954 mit Eine Generation. 37 Filme hat er gemacht. Was bleibt? Wenn Danton das nächste Opfer der Revolution prophezeit? Die jungen Krieger für Polens Freiheit in Asche und Diamant? Die Geschichte eines Mannes, der keine Gewissheiten kennt, nur Fragen. Immer trug Wajda seine dunkle Brille. Ist es wegen der unglücklichen Liebe zu seinem Land, wie er selbst einmal gesagt hat? (Wir stellen nicht die Filme, nur die links zur Verfügung. SEHT EUCH DIE LINKS SCHNELL AN, BEVOR SIE GELÖSCHT WERDEN. 8.11.16)

Montag, 7. November 2016

FILM LIST: Philippe Garrel


Philippe Garrel

Nouvelle Vague Retro
Nur sein neuester Film L'ombre Des Femmes (Im Schatten der Frauen) kam bei uns ins Kino. Philippe Garrel ist nahezu unbekannt in Deutschland. In Frankreich dagegen zählt er zu den Grossen - obwohl er auch dort nur ausnahmsweise ein grosses Publikum erreicht. J'Etends La Guitare (1991) und Le Vent De La Nuit (199), beide mit Catherine Deneuve, spielten Geld ein. Beide hat Garrel in Farbe gedreht, normalerweise bevorzugt er Schwarzweiss. Wer die Retro im Arsenal sah, wird vermutlich überhaupt zum ersten Mal in den Genuss eines Garrel Films auf der grossen Leinwand gekommen sein. Alle anderen müssen zu uns kommen und zu Hause glotzen. Garrel hat immer gemischte Gefühle ausgelöst. Es gibt diejenigen, die seine Eigenheiten feiern. Die seinen radikal persönlichen Stil lieben, seine Vorliebe für Grossaufnahmen und einfache Filmformen. Dann gibt es diejenigen, die ihn unter Generalverdacht stellen, dass sich unter der betörenden Oberfläche gar nichts verbirgt. Nur Plattituden. Am liebsten genannt: Liberte La Nuit (1983) oder Une Ete Brulant (2011). Reiner Narzismus, immer wieder Motive der eigenen Biographie zu verbrezeln und sich selbst, erst den Vater Maurice, später den Sohn Louis Garrel dafür einzusetzen? Philippe wurde 1948 geboren als Sohn von Maurice Garrel. Wie Jean Eustache oder Jacques Doillon gehört er zu einer Generation, die ganz dicht auf die Nouvelle Vague folgte. Mit sechszehn drehte er seinen ersten Kurzfilm Les Enfants Desaccordes (1964). Bereits in Droit De Visite (1965) behandelte er unverkennbar sein eigenes Leben. Es geht um einen Landausflug mit seinem Vater Maurice, kurz nachdem der die Familie verliess. In allen seinen Filmen gehts um Trennung, Eifersucht und neue Perspektiven. Sehr eindringlich in L'Enfant Secret (1982) und La Jalousie (2013). Philippe Garrel ist ein Kind des Pariser Mai 1968. Er beteiligte sich und war anschliessend umso enttäuschter. Das Scheitern schlug sich in Le Revelauteur nieder, den er mit Bernadette Lafont inszenierte. Ohne Ton! 1969 lernte er Nico kennen und lebte zehn Jahre mit ihr. Beide nahmen Heroin und hatten kaum genug zum Überleben. Seitdem fungiert Nico als Untote in seinen Filmen. In J'Entends Plus La Guitare wird Nico von Johanna Steege vertreten. Der bekannteste gemeinsame Film mit Nico hiess La Cicatrice Interieure (1972). Nico und Garrel selbst bewegen sich durch halluzinatorische Wüstenlandschaften. Die Garrel Filme der frühen 70er sind psychodelische Trips mit grossen visionären Bildern, ohne Handlung. Les Hautes Solitudes (1974) mit Jean Seberg oder Le Berceau De Cristal mit Nico und Anita Pallenberg. L'Enfant Secret schliesslich markiert einen Einschnitt. Sicher, ein Underground Film, aber doch einer, der sich auch darin versucht, eine Geschichte zu erzählen. Bis heute ist Garrel von den besten Kameraleuten umgeben. Ob Raoul Cotard, William Lubschansky oder Caroline Champetier. In der Disziplin, fortlaufend zu erzählen, darf Les Amants Reguliers (2005) als sein ausgereiftester Film gelten. Und natürlich L'ombre Des Femmes. Garrel blickt zurück. In Les Amants Reguliers auf den Pariser Mai 1968 und auf die Nouvelle Vague allgemein. Da ist Garrels letzte Mission. Er inszeniert Nouvelle Vague Retro Werke. Filme im Geist der Vergangenheit, auch wenn sie immer noch so betörend modern und "underground" wirken! Einer der ganz Grossen. Seit Godard sein Interesse am Publikum verlor wohl auch der Letzte der Nouvelle Vague! (Wir stellen nicht die Filme, nur die links zur Verfügung. SEHT EUCH DIE LINKS SCHNELL AN, BEVOR SIE GELÖSCHT WERDEN. 7.11.16)
youtube link: Historias Minimas

 youtube link: Historias Minimas. Eigentlich wollte er ja einen Werbefilm drehen und deshalb brach er auf in die Wüste Patagoniens. Aus diesem Vorhaben stammt das Debüt des argentinischen Regisseurs Carlos Sorin. Ein wahrhaft stilles Meisterwerk über die Suche nach dem Glück! Ein Film, der in unseren ersten Jahren der Filmkunstbar Fitzcarraldo (damals noch kurz Filmkunst) ständig verliehen war. Es sollte ein Werbesport für eine Telefongesellschaft werden. Ein abgelegenes Dorf wurde ans Netz angeschlossen. Da bemerkte Sorin, dass sich vor seinen Augen etwas abspielte: Die Menschen fieberten ihrem ersten Anruf entgegen, es wurde gegrillt und gefeiert. Sorin hatte das Glück gefunden! So kam er auf die Idee, zwölf Geschichten mit Laiendarstellern miteinander zu verbinden (um jede Künstlichkeit zu vermeiden). Das Skript passte er immer wieder den Eigenheiten seiner Darsteller an und so entstand der Film im Prozess. Es sind Geschichten von Träumen, gefilmt als Road Movie, wobei besonders die Details ihre Beachtung verdienen: Maria, die einen gewonnenen Multiprozessor gegen ein Schminkset tauscht oder Roberto, der seinem dicken Geschäftspartner Schlankmacher-Pflaster verkaufen will. Oder der 80jährige Antonio Benedictis, der mit den Ohren wackeln kann! Historias Minimas, so kams mir vor, wurde regelrecht als Medizin von den Gästen der Filmkunstbar Fitzcarraldo benutzt. Sollte in dieser regnerischen Jahreszeit wieder wirken!

Sonntag, 6. November 2016

youtube link: Satyajit Ray - Apur Sansar (engl. subt.)


youtube link: Satyajit Ray - Apur Sansar (engl. subt.). Ich habe die Apu Trilogie gesehen wie in einem Rausch. Es ist so, als ob vor meinen Augen eine ganz andere Welt entstünde. Ein Leben, das mir fremd ist. Während der 50er erschuf Satyajit Ray die drei Apu Filme, gewann alle grossen Festivals und erneuerte das indische Kino. Der indische Film, das war bis dahin Bollywood. Romantische Musicals. Ray war der Erste, der damit brach. Als Ray das Buch von Apu las, der in einem kleinen Dorf geboren wurde, in Kalkutta (damals noch Benares) ausgebildet wurde und auf die Wanderschaft ging, arbeitete er als relativ erfolgloser Künstler ohne nennenswerte Kontakte. In diesem dritten Teil ist Apu verheiratet. Er liebt seine junge Frau und ist glücklich. Doch seine Frau sowie Apus Mutter sterben plötzlich und es beginnt eine Zeit, in der er ziellos irrend trauert. Schliesslich aber nimmt Apu die Verantwortung für seinen Sohn an. Er wird Vater. Eine kurze Zusammenfassung, die kaum die Schönheit, das Geheimnisvolle dieser Filme widergeben kann. Apu folgt nicht den Konventionen des Genres "Biographie". Alle drei Schauspieler, die Apu während seiner Entwicklung darstellen, haben etwas Verträumtes. Er ist kein Zyniker, auch kein analytischer Denker. Apu ist ein naiver Idealist, der sich von vagen Gefühlen leiten lässt ohne einen festen Plan vom Leben. Apu steht für eine Gesellschaft, in der nicht das Ambitionierte, sondern das Philosophische im Vordergrund steht. Apu ist ganz Kind seines Vaters und während der vorangegangenen Episoden, steht der Vater für die Hoffnung, etwas möge geschehen. Etwas, das bedeutet in seinem Fall, eine neue Idee! Die Mutter dagegen sorgt sich um Geld und Nahrung für die Kinder. Einsamkeit und Trauer umgeben sie. Nachdem Vater und Sohn aufbrechen in die grosse Stadt, bleibt sie wartend zurück... Einsame Pfade durch den Wald, ein stiller Strom, die Wolken über dem Monsun. Die Apu Trilogie handelt von der Zeit an sich, von einer Kultur fern der unseren. Die Gefühle, die ausgedrückt werden, wirken exotisch und doch decken sie sich mit unseren eigenen. Hier können wir eine Verbindung zu Apu herstellen. Die Apu Trilogie, sie ist ein Gebet. Ein Geheiss, was Kino sein könnte! (Ihr findet Apur Sansa auf youtube)

Samstag, 5. November 2016

youtube link: Jan Svankmajer - Alice

 youtube link: Jan Svankmajer - Alice. Jan Svankmajer, ein militanter Surrealist, so wie er sich selbst mal beschrieben hat. Mit seiner Alice In Wonderland Adaption hat er mehr als jede andere Verfilmung, den Geist von Lewis Carrolls Vorlage getroffen. Alice selbst führt uns ein und erklärt, dass wir nun einen Kinderfilm sehen werden. Wirklich? Allerdings sollen wir die Augen schliessen - ansonsten würden wir nichts sehen. Nach dem Vorspann spielt Alice mit Puppen, die aussehen wie sie selbst. Das weisse Kaninchen erscheint, es ist ein nervöses Kaninchen - und Alice folgt ihm ins Wunderland. In dieser Welt verbindet Svankmajer das Aussergewöhnliche mit dem Morbiden. Er kombiniert Stop-Motion mit echten Darstellern. Ein Puppenfilm? Im Grunde bewegt Svankmajer vor allem Objekte wie das ausgestopfte weisse Kaninchen. Wie im Roman werden leblose Objekte bewegt. Dialoge gibt es kaum. Manchmal hören wir Alices Gedanken. Svankmajers Film, das ist Surrealismus gepaart mit satirischen Seitenhieben. Carrols Roman zeigt das tägliche Leben in England während des 19. Jahrhunderts. Immer wieder surrealistisch gebrochen. Alles, was paradox und absurd erscheint, kann rückübersetzt werden. Ein essentiell britisches Buch. Svankmajers Film dagegen spielt zu keiner bestimmten Zeit und an keinem definierten Ort. Die arglose Alice durchstreift die Welt der Erwachsenen, die wir wiederum durch ihre Perspektive wahrnehmen. Ihr Wunderland ist aber keinesfalls eine obszön überhöhte Darstellung von England. Es ist eine verwahrloste und verdorbene Welt. (Ihr findet Svankmajers Alice auf youtube)