Am Ende entschuldigt er sich bei
seiner Geliebten, sie gebissen zu haben. Obwohl der Nouvelle Vague
Veteran Philippe Garrel seine Geschichte ohne Umschweife, direkt, in
wundervoll kontrastreichem Schwarzweiss erzählt, ist doch nichts hier
emotional einfach. Wir begegnen Pierre (Stanislas Merhar) und Manon
(Clotilde Courau) - beide scheinen ein erfülltes Leben zu führen.
Gemeinsam in der richtigen Balance aus Arbeit und Liebe. Er arbeitet
gerade an einem Dokumentarfilm über den französischen Widerstand im
zweiten Weltkrieg. Sie jobbt nur halbtags und kann ihn unterstützen.
Garrel observiert die Beiden einfach bei ihrer täglichen Routine. Von
einem ganz typischen Tag zum nächsten, wobei er oft auch ohne Dialoge
auskommt. Vollkommen unverhofft erwischt uns deshalb die Affäre von
Pierre mit der jüngerin Elisabeth (Lena Paugam). Nichts ist
aussergewöhnlich an ihr: Sie ist von schlichter Schönheit und beide
teilen keine besondere Chemie der Liebe miteinander. Offensichtlich
sucht Pierre gar nicht nach etwas Besserem, denn seine Frau ist
ausserordentlich schön, perfekt gekleidet und klug. Zur selben Zeit
beginnt Manon eine Affäre mit einem Mann, dem Garrell noch nicht einmal
einen Namen zugesteht. Manon weiss noch nicht einmal von Pierres
Untreue, doch wer würde wagen zu behaupten, dass Frauen dafür keinen
siebten Sinn hätten? Spannend ist es zu beobachten, wie beide in ihrem
kleinen Apartment versuchen, zu verheimlichen - bis alles aufliegt.
Merhal spielt fast spärlich, während Courau eine beeindruckende
Bandbreite der Emotionen zeigt. Wut, dann wieder Stille, Trauer und
wieder Wut - alles wirkt echt! Keine seiner Figuren verurteilt Garrell
für ihre schlechte Wahl. So etwas passiert eben zu allen Zeiten, weshalb
der Blick zurück in die 60er auch nicht aufgesetzt wirkt. Genauso wie
seine Thematik hätte der ganze Film eben auch vor 50 Jahren spielen
können.
Wir sind Bar UND Videothek. Cinegeek.de ist unser Social Network für besondere Filme, aufbauend auf unserer Filmkunstbar Fitzcarraldo. Hier findest du unseren DVD Katalog, den wir, die Videothekare und ihr, die Kunden, gemeinsam zusammengestellt haben (klick auf "Featured Movies"). Darüber hinaus haben wir alle Empfehlungen als "Film Lists" veröffentlicht.
Freitag, 11. März 2016
Our Daily Free Stream: Disco Pigs.
Our Daily Free Stream: Disco Pigs. Kirsten Sheridan schreibt gerade am Skript zu einem Amy Winehouse Biopic. Die Tochter von Jim Sheridan debütierte 2001 mit Disco Pigs, den wir heute streamen: Ein Rohdiamant, dieses irische Disco-Märchen! Eine Art "Enfant Terrible" - so kann man Kirsten Sheridans Debüt bezeichnen. Ihr Disco Pigs wirkt interessant, aber auch voller Schwächen. Irgendwo zwischen Poesie und Skurrilität, erreicht der Film in flüchtigen Momenten den magischen Realismus, nach dem er strebt. Zwei Teenager, die direkt nebeneinander wohnen, haben sich ihre eigene, ziemlich gewalttätige Welt aufgebaut. Der Film beginnt mit ihrer Geburt und in Rückblenden erleben wir die Kindheit. Beide wirken wie Geschwister, obwohl sie es eigentlich nicht sind - aber ein geheimnisvolles Band verbindet ihr gemeinsames Schicksal. Am selben Tag, im selben Krankenhaus geboren, lebten sie immer benachbart, Haus an Haus. Durch ein Loch in der Wand können sie sogar Händchen halten. Sinead (Elaine Cassidy) und Darren (Cillian Murphy) tragen die Spitznamen "Runt" und "Pig". In Pork City wirken sie wie das Königspaar, zumindest in ihrer Welt. Ziemlich schnell wird uns klar, dass sich beide in einer Abwärts-Spirale befinden, denn die Welt draussen bedroht ihre Beziehung. Sinead und Darren empfinden ein besonderes Vergnügen daran, ihre Anspannung durch lautstarkes Gezanke in der Dorf-Disco zu zeigen. Schliesslich wird Sinead von den Behörden in eine spezielle Institution gebracht, hoch in den Norden, nach Donegal. Sie lernt dort ein anderes Mädchen in Not kennen, Mags (Tara Lynne O’Neill), während Darren alles dran setzt, sie wieder nach Hause zu holen. Zurück in Cork wird die Gewalt immer drückender... Ein bisschen wundert es mich, wieso Sinead es überhaupt so lange mit dem offensichtlich psychopathischen Darren aushält? Vermutlich sind solche Fragen aber auch ganz unwichtig für Disco Pigs, der wie ein dunkles Märchen wirkt. Filmisch sehr roh gehalten, mag die Kamerarbeit gewöhnungsbedürftig sein (so grell und scharf wirkt das Licht teilweise) - aber uns wird dadurch auch bewusst: Disco Pigs ist ein "echter" Indie! Und wer mag schon perfekte Filme? (Wir stellen nicht den Film, nur den link zur Verfügung) (Bild: https://i.ytimg.com/vi/Cu_CJKsOZeU/maxresdefault.jpg)
Our Daily Free Stream: Disco Pigs. Kirsten Sheridan schreibt gerade am Skript zu einem Amy Winehouse Biopic. Die Tochter von Jim Sheridan debütierte 2001 mit Disco Pigs, den wir heute streamen: Ein Rohdiamant, dieses irische Disco-Märchen! Eine Art "Enfant Terrible" - so kann man Kirsten Sheridans Debüt bezeichnen. Ihr Disco Pigs wirkt interessant, aber auch voller Schwächen. Irgendwo zwischen Poesie und Skurrilität, erreicht der Film in flüchtigen Momenten den magischen Realismus, nach dem er strebt. Zwei Teenager, die direkt nebeneinander wohnen, haben sich ihre eigene, ziemlich gewalttätige Welt aufgebaut. Der Film beginnt mit ihrer Geburt und in Rückblenden erleben wir die Kindheit. Beide wirken wie Geschwister, obwohl sie es eigentlich nicht sind - aber ein geheimnisvolles Band verbindet ihr gemeinsames Schicksal. Am selben Tag, im selben Krankenhaus geboren, lebten sie immer benachbart, Haus an Haus. Durch ein Loch in der Wand können sie sogar Händchen halten. Sinead (Elaine Cassidy) und Darren (Cillian Murphy) tragen die Spitznamen "Runt" und "Pig". In Pork City wirken sie wie das Königspaar, zumindest in ihrer Welt. Ziemlich schnell wird uns klar, dass sich beide in einer Abwärts-Spirale befinden, denn die Welt draussen bedroht ihre Beziehung. Sinead und Darren empfinden ein besonderes Vergnügen daran, ihre Anspannung durch lautstarkes Gezanke in der Dorf-Disco zu zeigen. Schliesslich wird Sinead von den Behörden in eine spezielle Institution gebracht, hoch in den Norden, nach Donegal. Sie lernt dort ein anderes Mädchen in Not kennen, Mags (Tara Lynne O’Neill), während Darren alles dran setzt, sie wieder nach Hause zu holen. Zurück in Cork wird die Gewalt immer drückender... Ein bisschen wundert es mich, wieso Sinead es überhaupt so lange mit dem offensichtlich psychopathischen Darren aushält? Vermutlich sind solche Fragen aber auch ganz unwichtig für Disco Pigs, der wie ein dunkles Märchen wirkt. Filmisch sehr roh gehalten, mag die Kamerarbeit gewöhnungsbedürftig sein (so grell und scharf wirkt das Licht teilweise) - aber uns wird dadurch auch bewusst: Disco Pigs ist ein "echter" Indie! Und wer mag schon perfekte Filme? (Wir stellen nicht den Film, nur den link zur Verfügung) (Bild: https://i.ytimg.com/vi/Cu_CJKsOZeU/maxresdefault.jpg)
Donnerstag, 10. März 2016
Cinema Today: Under The Sun (OV+germ. subt.), Kino Krokodil, Greifenhagener Str. 32, Prenzlauer Berg, 20.15.
Vor ein paar Jahren besuchte ich
meinen alten Freund Florian in Peking. Dort besuchten wir das Restaurant
der nordkoreanischen Botschaft. Die Kellnerinnen waren bildhübsch, aber
abweisend (obwohl sie dabei lächelten). Neben ihrer Aufgabe als
Bedienung, hatten sie noch eine zweite: Um 20.00 formierten sie sich zu
einer Synthie Popband vor einer Discokugel und dem Bild einer
nordkoreanischen Berglandschaft. Ungeheuer laut spielten sie (ziemlich
geschmackvollen) Synthie Pop (mit Propaganda Texten, denke ich). Ein
chinesischer Geschäftsmann sass mit dem Rücken zur Bühne, wusste wohl
nichts von diesen Auftritten und spuckte fast sein Essen aus vor
Schreck. Ich dachte, womöglich ist es in Nordkorea ganz anders als wir
es in der Zeitung erfahren? Vielleicht sogar angenehm? Vitaly Mansky
darf das nun herausfinden. Er bekam eine Drehgenehmigung über ein Jahr
in Nordkorea, dem "glücklichsten Land der Welt". Überall Statuen des
geliebten Führers; Zeitungen dürfen nicht gefaltet werden, es könnte ja
ein Bild des Führers zerknicken. Eine Doku im Sinne einer authentischen
Beobachtung dürfte wohl schwierig sein, da der Dreh überwacht wurde.
Manksy machte deshalb die Inszenierungsstrategie der Offiziellen
kurzerhand zum Thema des Films. Einige "verpatzte" Szenen konnte er aus
dem Land schmuggeln. Im Strahl der Sonne wirft nicht nur den Blick auf
ein bizarr abgeschottetes Land, sondern wirkt wie ein Lehrfilm für
Propaganda. Im Mittelpunkt, die Musterexistenz eines kleinen Mädchens
und ihrer Angehörigen. Das Team betritt eine grosse Wohnung und weiss,
dass die Familie sie nur für die Dauer des Drehs bewohnen darf. Die
Eltern betraten wohl auch ihre Arbeitsstätten (zufällig die
Vorzeige-Betriebe des Staates) für die Inszenierung zum ersten Mal. Wir
sehen bunt gedeckte Tische und anschliessend Kinder, die den Müll auf
der Strasse durchwühlen (wohl eine verpatzte Szene). Die Sequenzen des
offiziellen Drehbuchs: Von gespenstischer Durchsichtigkeit. Abstossend,
aber auch darin faszinierend. Im Strahl der Sonne ist mitunter aber auch
komisch: Ein mit Orden voll behängter Kriegsveteran erzählt
Schulkindern seine Heldengeschichte - die Kamera interessiert sich vor
allem für das Kind, das ständig einnickt. Der unendlich traurige Schluss
über das kleine Mädchen muss wohl auch eine der verpatzten Szenen
sein... Sollte ich mit Florian noch einmal in das nordkoreanische
Botschafts-Restaurant gehen, weiss ich, wer die Zeche gezahlt hat. (noch mehr kuriose Dokus findest du als Film list auf cinegeek.de)
Our Daily Free Stream: Thomas Arslan - Geschwister Kardesler (german only).
Our Daily Free Stream: Thomas Arslan - Geschwister Kardesler (german only). Was macht eigentlich Thomas Arslan? Regisseur des deutschen Westerns Gold, der 2013 auf der Berlinale lief? Aushängeschild der "Berliner Schule"? Mitbegründer des Wolf Kinos in Neukölln gerade jetzt. Bitte, Herr Arslan! Wir warten auf einen neuen Film! Deshalb zeigen wir heute sein Debüt Geschwister Kardesler: Wenn ich mir die deutschen Filme ansehe, in denen die Rolle des "Türken" vergeben wird, lassen sich folgende Stereotypen aufzählen: 1. Der Gangster-Türke, der mit funkelnden Augen und viel zu viel Testosteron ganz schnell die Hand am Messer hat. Oft spielt dieser Typus den älteren Bruder, der durchdreht, etwa, wenn die Schwester (die meistens zwangsverheiratet werden soll) nicht spurt. 2. Der lustige Ausländer-Türke, der mit merkwürdig hoher Stimme und falscher Grammatik dumme Witze reisst. 3. Die Opfer-Türkin, die kein Kopftuch tragen will und auch nicht heiraten. Oft wird sie vom (zuvor noch gemütlichen) Vater verstossen und vom Gangster-Türken Bruder gejagt. Klar, dass sich Thomas Arslan deshalb geärgert hat und nun einmal "echte" Türken zeigen will! Erol (Tamer Yigit), Leyla (Serpil Turhan) und Ahmed (Savas Yurderi) sind Geschwister aus Kreuzberg. Sie alle kommen aus einer türkischen Familie, wobei die Mutter Deutsche ist. Erol ist ein kleiner Gangster und Hehler, der die Schule geschmissen hat. Nun hat er aber Ärger mit seiner "Szene" und auch der Polizei. Er will Deutschland verlassen, um in der Türkei seinen Militärdienst zu machen. Er glaubt, nur so könne er seine Leben wie in die richtige Bahn lenken. Leyla versucht der Enge der Familie zu entfliehen. Sie ist in dem Alter, da die beste Freundin den wichtigsten Menschen auf der Welt darstellt. Deshalb verbringt sie auch die meiste Zeit mit ihrer Freundin Sevim und würde auch am liebsten mit ihr zusammen ziehen. Anders als Erol hat Ahmed keine Lust auf die Strassenszene rund um das Kottbusser Tor. Er will sein Abi schaffen und anschliessend studieren. Immer wieder geraten Ahmed und Erol deshalb aneinander. Ahmed nimmt am Kottbusser Tor die Position desjenigen ein, den man zwar von Kindheit an kennt, der nun aber anders ist. Wir hören auch die Eltern, wie sie sich darüber unterhalten, was denn nun türkisch und was deutsch sei? Wie funktioniert überhaupt eine türkisch-deutsche Familie? Thomas Arslan kommt selbst aus so einer Familie mit einer deutschen Mutter und einem türkischen Vater. Offensichtlich kennt er auch die Gegend um das Kottbusser Tor recht gut. Seit 1986 studierte er in Berlin; Geschwister ist sein Debüt. Zum Glück ist Arslan kein pädagogischer Filmemacher. Er versucht auch nicht mühsam, eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen rutscht ihm diese unprätentiöse Skizze einfach so raus. Ich hatte übrigens nicht den Eindruck, dass das Abhängen und Umherschweifen am Kotti so schlecht sei. Arslans Film ist darüber hinaus auch noch ziemlich oft sehr witzig. Das funktioniert, weil Geschwister zwar in "Jugendsprache" inszeniert ist, aber in einer, die so auch wirklich gesprochen wird. Präziser: Gesprochen wurde, denn der Film ist im Jahr 1997 entstanden. Arslan, ein würdiger Nachfolger der Nouvelle Vague, lässt mir auch genügend Raum, dass ich mir nicht nur seine Familie ansehe, sondern Zeit finde, mal einen Blick auf das Milieu dahinter zu werfen: Irgendwie kommt mir das Kottbusser Tor in Geschwister viel harmonischer vor als es das heute ist. Oder leide ich da an einer Alterserscheinung? Ganz nebenbei jedenfalls, hat sich Geschwister auch zu einem meiner liebsten Berlin Filme entwickelt.
Our Daily Free Stream: Thomas Arslan - Geschwister Kardesler (german only). Was macht eigentlich Thomas Arslan? Regisseur des deutschen Westerns Gold, der 2013 auf der Berlinale lief? Aushängeschild der "Berliner Schule"? Mitbegründer des Wolf Kinos in Neukölln gerade jetzt. Bitte, Herr Arslan! Wir warten auf einen neuen Film! Deshalb zeigen wir heute sein Debüt Geschwister Kardesler: Wenn ich mir die deutschen Filme ansehe, in denen die Rolle des "Türken" vergeben wird, lassen sich folgende Stereotypen aufzählen: 1. Der Gangster-Türke, der mit funkelnden Augen und viel zu viel Testosteron ganz schnell die Hand am Messer hat. Oft spielt dieser Typus den älteren Bruder, der durchdreht, etwa, wenn die Schwester (die meistens zwangsverheiratet werden soll) nicht spurt. 2. Der lustige Ausländer-Türke, der mit merkwürdig hoher Stimme und falscher Grammatik dumme Witze reisst. 3. Die Opfer-Türkin, die kein Kopftuch tragen will und auch nicht heiraten. Oft wird sie vom (zuvor noch gemütlichen) Vater verstossen und vom Gangster-Türken Bruder gejagt. Klar, dass sich Thomas Arslan deshalb geärgert hat und nun einmal "echte" Türken zeigen will! Erol (Tamer Yigit), Leyla (Serpil Turhan) und Ahmed (Savas Yurderi) sind Geschwister aus Kreuzberg. Sie alle kommen aus einer türkischen Familie, wobei die Mutter Deutsche ist. Erol ist ein kleiner Gangster und Hehler, der die Schule geschmissen hat. Nun hat er aber Ärger mit seiner "Szene" und auch der Polizei. Er will Deutschland verlassen, um in der Türkei seinen Militärdienst zu machen. Er glaubt, nur so könne er seine Leben wie in die richtige Bahn lenken. Leyla versucht der Enge der Familie zu entfliehen. Sie ist in dem Alter, da die beste Freundin den wichtigsten Menschen auf der Welt darstellt. Deshalb verbringt sie auch die meiste Zeit mit ihrer Freundin Sevim und würde auch am liebsten mit ihr zusammen ziehen. Anders als Erol hat Ahmed keine Lust auf die Strassenszene rund um das Kottbusser Tor. Er will sein Abi schaffen und anschliessend studieren. Immer wieder geraten Ahmed und Erol deshalb aneinander. Ahmed nimmt am Kottbusser Tor die Position desjenigen ein, den man zwar von Kindheit an kennt, der nun aber anders ist. Wir hören auch die Eltern, wie sie sich darüber unterhalten, was denn nun türkisch und was deutsch sei? Wie funktioniert überhaupt eine türkisch-deutsche Familie? Thomas Arslan kommt selbst aus so einer Familie mit einer deutschen Mutter und einem türkischen Vater. Offensichtlich kennt er auch die Gegend um das Kottbusser Tor recht gut. Seit 1986 studierte er in Berlin; Geschwister ist sein Debüt. Zum Glück ist Arslan kein pädagogischer Filmemacher. Er versucht auch nicht mühsam, eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen rutscht ihm diese unprätentiöse Skizze einfach so raus. Ich hatte übrigens nicht den Eindruck, dass das Abhängen und Umherschweifen am Kotti so schlecht sei. Arslans Film ist darüber hinaus auch noch ziemlich oft sehr witzig. Das funktioniert, weil Geschwister zwar in "Jugendsprache" inszeniert ist, aber in einer, die so auch wirklich gesprochen wird. Präziser: Gesprochen wurde, denn der Film ist im Jahr 1997 entstanden. Arslan, ein würdiger Nachfolger der Nouvelle Vague, lässt mir auch genügend Raum, dass ich mir nicht nur seine Familie ansehe, sondern Zeit finde, mal einen Blick auf das Milieu dahinter zu werfen: Irgendwie kommt mir das Kottbusser Tor in Geschwister viel harmonischer vor als es das heute ist. Oder leide ich da an einer Alterserscheinung? Ganz nebenbei jedenfalls, hat sich Geschwister auch zu einem meiner liebsten Berlin Filme entwickelt.
Mittwoch, 9. März 2016
Ungarn Filmauswahl zum Kinostart von Son Of Saul
Ungarn, die Schmiede des experimentellen Films. Ich denke nicht nur an den Altmeister Bela Tarr, sondern die barokken Kunstwerke eines György Pálfi (Taxidermia) oder die Sensation dieses Kinojahres Son Of Saul (Saul Fia) von Laszlo Nemes. Seit Jahren schon gelten ungarische Filme bei uns in der Videothek als Geheimtipps. Im Neuheiten Regal muss ich gerade permanent White Dog von Kornél Mundruczó herausgeben, dasselbe Phänomen stellt der Dauerbrenner Kontroll von Nimród Antal dar. Umso erstaunlicher, weil wir es hier nicht mit leichten "Fühl-Dich-Gut" Werken zu tun haben, sondern mit experimentellen, sperrigen Filmen. Ob wir es mit einem Ausschwitz-Drama wie Son Of Saul oder einer schwarzen Komödie wie Kontroll zu tun haben - die Bilder sinds! Ungarische Filme laden uns ein zu merkwürdigen Unternehmungen, die in einer anderen Realität als der unseren zu spielen scheinen. Son Of Saul ist zwar hyper real, dahinter steht aber ein einzigartiges visuelles Konzept: Die Kamera interessiert sich ausschliesslich für Saul und alles andere verschwimmt hinter ihm. Ausschwitz durch die Perspektive eines Einzelnen. Zurückblicken können die ungarischen Filmemacher auf eine lange Tradition des filmischen Aufbruchs während der neuen Welle in den 60ern. Wer da stöbern will, schaut mal bei uns an der Treppe. Dort findet ihr eine Galerie an DVDs von Miklós Jancsó, Zoltán Huszárik oder Slavko Vorkapich. Viel Spass mit den tollsten ungarischen Filmen der letzten 10 Jahre! (komplette Liste auf cinegeek.de)
Ungarn, die Schmiede des experimentellen Films. Ich denke nicht nur an den Altmeister Bela Tarr, sondern die barokken Kunstwerke eines György Pálfi (Taxidermia) oder die Sensation dieses Kinojahres Son Of Saul (Saul Fia) von Laszlo Nemes. Seit Jahren schon gelten ungarische Filme bei uns in der Videothek als Geheimtipps. Im Neuheiten Regal muss ich gerade permanent White Dog von Kornél Mundruczó herausgeben, dasselbe Phänomen stellt der Dauerbrenner Kontroll von Nimród Antal dar. Umso erstaunlicher, weil wir es hier nicht mit leichten "Fühl-Dich-Gut" Werken zu tun haben, sondern mit experimentellen, sperrigen Filmen. Ob wir es mit einem Ausschwitz-Drama wie Son Of Saul oder einer schwarzen Komödie wie Kontroll zu tun haben - die Bilder sinds! Ungarische Filme laden uns ein zu merkwürdigen Unternehmungen, die in einer anderen Realität als der unseren zu spielen scheinen. Son Of Saul ist zwar hyper real, dahinter steht aber ein einzigartiges visuelles Konzept: Die Kamera interessiert sich ausschliesslich für Saul und alles andere verschwimmt hinter ihm. Ausschwitz durch die Perspektive eines Einzelnen. Zurückblicken können die ungarischen Filmemacher auf eine lange Tradition des filmischen Aufbruchs während der neuen Welle in den 60ern. Wer da stöbern will, schaut mal bei uns an der Treppe. Dort findet ihr eine Galerie an DVDs von Miklós Jancsó, Zoltán Huszárik oder Slavko Vorkapich. Viel Spass mit den tollsten ungarischen Filmen der letzten 10 Jahre! (komplette Liste auf cinegeek.de)
Cinema Today: Alexander Sokurov - Francofonia (OV+germ. subt.), Hackesche Höfe, 19.00.
Mit 64 Jahren scheint sich Alexander Sokurov in bester Spiellaune zu befinden! Francofonia, kommt wie ein freier Radikaler daher, elastisch und unberechenbar - wie alles, das seinen Namen trägt. Sokurov ist wieder im Museum angelangt, im Louvre. Sein Thema: Die Gefährdung der Kunst während des Krieges. Er benutzt die Metapher des Containerschiffs, das in schwere Stürme gerät. Die Wellen schlagen über Bord, verwüsten die Kommandobrücke, dort wo der Kapitän mit dem Filmregisseur in Verbindung steht. Der Container mit Kunstgegenständen droht mit dem Schiff im Meer zu versinken. Sokurov montiert aus dokumentarischen und inszenierten Szenen beider Weltkriege seine Collage. Besonders beeindruckend: Archivmaterial, welches das ausgehungerte St. Petersburg 1918 zeigt. Im Louvere wird währenddessen der Museum-Direktor mit einem Nazi Beauftragten des "Kunstschutzes" konfrontiert, dem Grafen Wolff-Metternich. Die Kunstgegenstände wurden längst ausgelagert. Der adelige Besatzer aber erweist sich als Glücksfall und besucht mit dem Direktor die Schlösser, in denen die Kunst vor den Deutschen versteckt wurde. Sokurov beschwört die Utopie einer Bildungs-Elite. Durch sie könnten Kunstgegenstände auch in Kriegszeiten bewahrt bleiben, es braucht nur Männer wie Wolff-Metternich (dessen handeln konsequent weder psychologisch noch historisch hinterfragt wird). Francofonia, ein Essay Film, genauso wechselhaft wie vielschichtig, anregend, aber auch provokativ - und wie immer bei Sokurov - ein visuelles Fest!
Mit 64 Jahren scheint sich Alexander Sokurov in bester Spiellaune zu befinden! Francofonia, kommt wie ein freier Radikaler daher, elastisch und unberechenbar - wie alles, das seinen Namen trägt. Sokurov ist wieder im Museum angelangt, im Louvre. Sein Thema: Die Gefährdung der Kunst während des Krieges. Er benutzt die Metapher des Containerschiffs, das in schwere Stürme gerät. Die Wellen schlagen über Bord, verwüsten die Kommandobrücke, dort wo der Kapitän mit dem Filmregisseur in Verbindung steht. Der Container mit Kunstgegenständen droht mit dem Schiff im Meer zu versinken. Sokurov montiert aus dokumentarischen und inszenierten Szenen beider Weltkriege seine Collage. Besonders beeindruckend: Archivmaterial, welches das ausgehungerte St. Petersburg 1918 zeigt. Im Louvere wird währenddessen der Museum-Direktor mit einem Nazi Beauftragten des "Kunstschutzes" konfrontiert, dem Grafen Wolff-Metternich. Die Kunstgegenstände wurden längst ausgelagert. Der adelige Besatzer aber erweist sich als Glücksfall und besucht mit dem Direktor die Schlösser, in denen die Kunst vor den Deutschen versteckt wurde. Sokurov beschwört die Utopie einer Bildungs-Elite. Durch sie könnten Kunstgegenstände auch in Kriegszeiten bewahrt bleiben, es braucht nur Männer wie Wolff-Metternich (dessen handeln konsequent weder psychologisch noch historisch hinterfragt wird). Francofonia, ein Essay Film, genauso wechselhaft wie vielschichtig, anregend, aber auch provokativ - und wie immer bei Sokurov - ein visuelles Fest!
Our Daily Free Stream: Alexander Sokurov - Russian Ark (engl. subt.).
Our Daily Free Stream: Alexander Sokurov - Russian Ark (engl. subt.). Im Kino läuft Francofonia an, der wie eine Fortführung wirkt zu Sokurovs barocken Russian Ark - den wir heute deshalb zeigen: Jede Rezension von Russian Ark beginnt mit Sokurovs Methode, diesen Wahnsinn inszenieren (oder sollte man präzisieren: begleiten) zu können: Drei Jahrhunderte russischer Geschichte in der Eremitage. 96 Minuten ohne Schnitt, gedreht in einer einzigen kontinuierlichen, digitalen Steadycam-Aufnahme vom Kameramann Tillmann Büttner. Durch den "One Take" wird es möglich, in einem Fluss zu erzählen, so dass wir uns unwillkürlich mit der Stimme aus dem Off identifizieren. Das Handeln der auftretenden Figuren verliert sich dagegen meist in Andeutungen. Es ist auch schlicht unmöglich, alle auftretenden Gestalten (in Originalkostümen) zuzuordnen: Peter, der Grosse, Zar Nikolaus, Katharina... Wie ein Fragment werden hier die historischen Ereignisse inszeniert - und wer würde nicht behaupten, dass auch unser historisches Wissen nur lückenhaft sei? Obwohl wir alles in einem Cut erleben, geht es wohl trotzdem weniger um die Einheit von Zeit und Raum - eher stolpern wir durch die Geschichte. Schliesslich trifft unsere Stimme aus dem Off noch auf einen heruntergekommenen Marquise aus dem 19. Jahrhundert, der fortan mit ihr polemisiert: Es geht um Petersburg als einzige europäische Stadt, Russlands Unfähigkeit, sich dem Westen anzuschliessen oder den lieblosen Umgang des Landes mit der Kunst. Die 70jährige Soviet-Herrschaft wird übrigens einfach übersprungen. Nur die Gegenwart taucht auf und wird verkörpert vom Museums-Direktor. Das grosse Finale stellt eine Ballnacht während des Monarchenfests 1913 dar und mit den Tanzenden entfernt sich die Kamera vom Geschehen. Ich denke, den meisten Zuschauern wird es ergehen wie mir und vollkommen ausreichen, Russian Ark als originelle und wunderschöne Idee anzusehen. Böse Zungen mögen hinterfragen, ob Russian Ark uns überhaupt interessieren würde, wäre der Film nicht in einem Take gedreht? Schliesslich erfahren die einzelnen Szenen keine Steigerung, keine Inszenierung in diesem Sinne und kommen auch nicht auf den Punkt. Russian Ark nicht mehr als eine Tour De Force? Für mich aber reicht es aus, den Film als das stehen zu lassen, was er ist: Eine Sammlung von Bildern und Gedanken. Eine schöne Möglichkeit, abzuschweifen, wenn das furchtbare Schicksal Russlands auf ausgelassene Tanz-Szenen trifft - fast ironisch anmutend. In diesem Sinne ist es genauso relevant, was Sokurov nicht zeigt (wir aber doch alle wissen): Die Barbarei der Soviet-Herrschaft - Und ist es nicht genau das, was uns allen sofort einfällt, wenn wir an Russland denken? Russian Ark ist kein Stück Politik, sondern ein filmischer Tagtraum.
Our Daily Free Stream: Alexander Sokurov - Russian Ark (engl. subt.). Im Kino läuft Francofonia an, der wie eine Fortführung wirkt zu Sokurovs barocken Russian Ark - den wir heute deshalb zeigen: Jede Rezension von Russian Ark beginnt mit Sokurovs Methode, diesen Wahnsinn inszenieren (oder sollte man präzisieren: begleiten) zu können: Drei Jahrhunderte russischer Geschichte in der Eremitage. 96 Minuten ohne Schnitt, gedreht in einer einzigen kontinuierlichen, digitalen Steadycam-Aufnahme vom Kameramann Tillmann Büttner. Durch den "One Take" wird es möglich, in einem Fluss zu erzählen, so dass wir uns unwillkürlich mit der Stimme aus dem Off identifizieren. Das Handeln der auftretenden Figuren verliert sich dagegen meist in Andeutungen. Es ist auch schlicht unmöglich, alle auftretenden Gestalten (in Originalkostümen) zuzuordnen: Peter, der Grosse, Zar Nikolaus, Katharina... Wie ein Fragment werden hier die historischen Ereignisse inszeniert - und wer würde nicht behaupten, dass auch unser historisches Wissen nur lückenhaft sei? Obwohl wir alles in einem Cut erleben, geht es wohl trotzdem weniger um die Einheit von Zeit und Raum - eher stolpern wir durch die Geschichte. Schliesslich trifft unsere Stimme aus dem Off noch auf einen heruntergekommenen Marquise aus dem 19. Jahrhundert, der fortan mit ihr polemisiert: Es geht um Petersburg als einzige europäische Stadt, Russlands Unfähigkeit, sich dem Westen anzuschliessen oder den lieblosen Umgang des Landes mit der Kunst. Die 70jährige Soviet-Herrschaft wird übrigens einfach übersprungen. Nur die Gegenwart taucht auf und wird verkörpert vom Museums-Direktor. Das grosse Finale stellt eine Ballnacht während des Monarchenfests 1913 dar und mit den Tanzenden entfernt sich die Kamera vom Geschehen. Ich denke, den meisten Zuschauern wird es ergehen wie mir und vollkommen ausreichen, Russian Ark als originelle und wunderschöne Idee anzusehen. Böse Zungen mögen hinterfragen, ob Russian Ark uns überhaupt interessieren würde, wäre der Film nicht in einem Take gedreht? Schliesslich erfahren die einzelnen Szenen keine Steigerung, keine Inszenierung in diesem Sinne und kommen auch nicht auf den Punkt. Russian Ark nicht mehr als eine Tour De Force? Für mich aber reicht es aus, den Film als das stehen zu lassen, was er ist: Eine Sammlung von Bildern und Gedanken. Eine schöne Möglichkeit, abzuschweifen, wenn das furchtbare Schicksal Russlands auf ausgelassene Tanz-Szenen trifft - fast ironisch anmutend. In diesem Sinne ist es genauso relevant, was Sokurov nicht zeigt (wir aber doch alle wissen): Die Barbarei der Soviet-Herrschaft - Und ist es nicht genau das, was uns allen sofort einfällt, wenn wir an Russland denken? Russian Ark ist kein Stück Politik, sondern ein filmischer Tagtraum.
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